Als sie ihre berühmte Gretchenfrage stellte, wusste Margarete noch nicht, dass der dämliche Faust einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte. Sie erfasst seinen wunden Punkt also intuitiv richtig und verpasst ihm mit ihrer fiesen Frage einen Tritt in den Magen. Ich glaube, der israelischen Hauptstadt geht es ganz genauso, wenn man mal dezent nachhakt: „Hey Jerusalem, wie hast du’s eigentlich mit der Religion?“


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Die unendliche Geschichte von Israel und Palästina

Dass sich Juden und Palästinenser nicht wirklich ausstehen können, habe ich schon in der sechsten Klasse gelernt. Dass sich Juden und Moslems im Allgemeinen auch nicht besonders mögen, haben mir die Medien so nach und nach in den Kopf gepflanzt. Aber dass es in Jerusalem noch gefühlt hundert andere religiöse Strömungen gibt, die sich alle konsequent aus dem Weg gehen – daran hatte ich erstmal ziemlich heftig zu knabbern.

Da gibt es die „normalen“ Juden, die sich selbst als gemäßigt bezeichnen. Sie ärgern sich oft über die ultraorthodoxen Juden, die mit Hut und Löckchen im schwarz-weißen Pinguinlook durch die Gegend rennen. Denen wiederum gehen die ultra-ultraorthodoxen Juden auf den Geist, deren Frauen zum Teil sogar verschleiert unterwegs sind. Und dann gibt es noch ein paar Minderheiten, wie Christen, Bahai oder Drusen, die wirklich absolut niemand ausstehen kann. Weil sie aufgrund ihres verschwindend geringen Anteils aber sowieso nichts zu melden haben, bleiben sie bei Konflikten meistens außen vor.

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Tausend Fragen – und trotzdem kratze ich nur an der Oberfläche

Jetzt bin ich weder religiös noch eine Nahostexpertin. Ich habe mir aber trotzdem Mühe gegeben, die Zusammenhänge ein bisschen zu verstehen. Zum Glück haben unsere Guides auf meine penetranten Nachfragen weder defensiv noch genervt reagiert. Wirklich nachvollziehen konnten sie meine Fragerei allerdings nicht.

Für sie ist es vollkommen normal, dass jüdische, muslimische und ultraorthodoxe Kinder verschiedene Schulen besuchen und das Thorastudium einen höheren Stellenwert als Mathe oder Englisch hat. Es beunruhigt sie nicht, dass Zivilisten ganz offen mit großkalibrigen Waffen durch die Straßen laufen, obwohl Jerusalem in der Vergangenheit immer wieder von Terror erschüttert wurde. Denn schließlich sind es keine Moslems, die die Waffen tragen. Es sind ausschließlich Juden – und die sind ja nun wirklich harmlos und waren auch alle irgendwann einmal in der Armee.

Jerusalem

Privatsphäre in Israel? Fehlanzeige!

Ich fühle mich in Jerusalem erstaunlich sicher, obwohl fast an jeder Ecke irgendwann ein paar Menschen getötet wurden – im Bus, auf dem Markt oder an der Mauer. Doch die Sicherheit hat ihren Preis, und wer seine Privatsphäre schützen möchte, ist in Israel definitiv fehl am Platz. Das geht schon am Flughafen los, denn die Israelflüge dürfen in München noch nicht einmal von den „normalen“ Terminals starten.

Das ominöse „Abflug F“ Spezialterminal liegt einen zehnminütigen Fußmarsch vom restlichen Flughafen entfernt. Betreten darf es nur, wer einen Boardingpass für einen Israelflug vorweisen kann. Wer bereits in Ländern wie Marokko, Jordanien, dem Iran oder in den Emiraten unterwegs war, muss sich warm anziehen. Noch bevor es überhaupt zur Gepäckaufgabe geht, steht eine Befragung durch den israelischen Geheimdienst an. Zum Standardrepertoire gehören auch ein kompletter Bodycheck und das Durchsuchen von Hand- und Aufgabegepäck. Auch in Jerusalem wird immer wieder gefilzt – zum Beispiel vor den Sehenswürdigkeiten oder in den Shoppingmalls.

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Jesus comes here, every Morning!

Den meisten Touristen scheint das aber nichts auszumachen. Sie rennen mit verklärtem Blick durch die Stadt und wandeln mit aufgeklappter Bibel auf den Spuren von Jesus. „Krass, wie Gott das alles in sieben Tagen erschaffen hat“, staunt ein junger Deutscher beim Sunrise Hike auf die Festung Masada. Sein Begleiter nickt begeistert und starrt anerkennend auf die karge Wüstenlandschaft. „XXXI. Weltjugendtag Krakau“ steht auf ihren T-Shirts. Ich möchte sie den Berg runterschubsen, reiße mich aber zusammen und gehe schnell weiter.

„Jesus comes here, every Morning!“, verkündet eine Frau aus Afrika währenddessen freudestrahlend. Ihr Gesicht ist knallrot und nach 200 Höhenmetern sieht sie aus, als würde sie gleich kollabieren. Trotzdem rennt sie begeistert weiter nach oben. Vielleicht, weil Jesus dort hinkommt. Vielleicht aber auch, weil ihr die Höhe ein bisschen zu Kopf gestiegen ist.

Markt in Jerusalem - Gewürze

Warum kann ich mich nicht auf das Schöne konzentrieren?

Ich war schon oft in Ländern unterwegs, in denen (Bürger-)Kriege, religiöse Konflikte und panische Angst vor Terror zum Alltag gehören: Indien, die Philippinen, die Türkei und Marokko sind nur einige davon. Aus irgendeinem Grund habe ich es bisher aber immer geschafft, mich auf die positiven Aspekte der Reise zu konzentrieren und das Negative zum größten Teil auszublenden. Ich kann mir einfach nicht erklären, warum mir das in Israel nicht gelungen ist.

Auf meinen Soloreisen habe ich gelernt, aufdringliche Verkäufer mit einem einzigen Blick zum Schweigen zu bringen. Ich habe gelernt, Rikschafahrer in Grund und Boden zu handeln und grabschenden Indern direkt eins überzubraten. Aber auf diese unterschwellige Anspannung, die mich in Jerusalem fast durchgängig verfolgt hat, habe ich keine Antwort. Vielleicht, weil sie nicht greifbar ist – so leise und fleißig unter den Teppich gekehrt. 

Trotzdem bin ich ein bisschen enttäuscht von mir selbst, weil ich es nicht geschafft habe, mich dieser wirklich schönen und interessanten Stadt zu öffnen. Denn neben religiösem Wahn und anderen Verrücktheiten ist Jerusalem auch ein Schmelztigel und ein absolutes Mekka für alle, die Geschichte, Kultur und gutes Essen lieben.

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Tapetenwechsel: Von Jerusalem nach Tel Aviv

Als ich Jerusalem in Richtung Tel Aviv verlassen habe, sind die negativen Gedanken endlich von mir abgefallen. Nur eine knappe Stunde mit dem Auto trennt die beiden Städte und trotzdem fühlt es sich an, als würde man eine andere Welt betreten. In Tel Aviv habe ich endlich den Kopf freibekommen und konnte mir Gedanken machen, was zwischen Jerusalem und mir schiefgelaufen ist.

So ganz kann ich mir das immer noch nicht erklären. Ich weiß nur, dass ich euch auf jeden Fall auch von den schönen Seiten der israelischen Hauptstadt erzählen möchte. Das würde hier aber den Rahmen sprengen, deshalb gibt’s den großen Cityguide ein bisschen später. Vielleicht fallen mir bis dahin auch mehr Antworten ein – oder ich wage sie einfach nochmal, die Reise nach Jerusalem.

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Markt in Jerusalem - Teppichhändler
Ich wurde vom Tourismusverband Jerusalem zu dieser Reise eingeladen. Meine Meinung bleibt – wie ihr euch bei diesem Artikel wahrscheinlich schon denken könnt – wie immer meine eigene.

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